{"id":2355,"date":"2014-08-15T10:00:17","date_gmt":"2014-08-15T08:00:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.flora-pharm.de\/blog\/?p=2355"},"modified":"2020-10-12T09:41:34","modified_gmt":"2020-10-12T07:41:34","slug":"unterschiedliche-arzneiformen-wozu-und-was-ist-galenik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.flora-pharm.de\/blog\/unterschiedliche-arzneiformen-wozu-und-was-ist-galenik\/","title":{"rendered":"Unterschiedliche Arzneiformen, wozu gibt es die eigentlich? Und was ist Galenik?"},"content":{"rendered":"<p>Mal verschreibt einem der Arzt eine Tablette, dann eine Salbe, ein Spray, ein Dragee, eine Kapsel oder was es sonst noch alles f\u00fcr lustige Formen gibt. Okay, es erscheint noch sinnvoll, dass Nasenspray direkt in die Nase kommt. Bei anderen Arznei- und Darreichungsformen braucht der Nichtmediziner schon einige Phantasie oder aber eine gute Beratung von Arzt und Apotheker.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ein Medikament besteht aus mehr als nur dem Wirkstoff<\/strong><\/p>\n<p>Der Wirkstoff muss in eine chemisch, physikalisch und biologisch stabile Form gebracht werden, die genau dosiert werden kann und lagerf\u00e4hig ist. Dann gilt es zu gew\u00e4hrleisten, dass die Substanz <strong>vom K\u00f6rper aufgenommen<\/strong> werden kann und nat\u00fcrlich auch, dass sie <strong>an den Wirkungsort im K\u00f6rper gelangt<\/strong>, um dort die gew\u00fcnschte therapeutische Wirkung zu entfalten. Nebenbei gilt es noch Faktoren wie Schnelligkeit und Ausma\u00df zu ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p>Die Wissenschaft, die hinter der Verarbeitung des Wirkstoffs hin zum wirkungsvollen Medikament steckt, wird \u00fcbrigens <strong>Galenik<\/strong> genannt (der Begriff geht zur\u00fcck auf den im 2. Jahrhundert geborenen griechischen Gladiatoren- und sp\u00e4teren Cesaren-Arzt und Naturforscher Galenos von Pergamon, dessen Werke \u00fcber die Anatomie und Physiologie des Menschen \u00fcber Jahrhunderte als richtungsweisend galten). In dieser Disziplin gibt es bemerkenswerte Fortschritte wie z.B. schnellere Wirksamkeit oder auch Wirkstofffreisetzung \u00fcber einen bestimmten Zeitraum (Retardwirkung), was u.a. die Anzahl der Einzeldosen f\u00fcr den Patienten reduzieren kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Verabreicht (oder auch appliziert) werden Arzneistoffe entweder systemisch oder lokal.<\/strong><\/p>\n<p>Bei der lokalen (\u00f6rtlichen) Applikation gelangt der Wirkstoff zumeist direkt und ohne Umwege an den Zielort, wie z.B. Hautcreme, Nasenspray, Augentropfen etc. Davon abzugrenzen sind die modernen transdermalen Systeme (z.B. Schmerzpflaster), die den Wirkstoff gezielt und gleichm\u00e4\u00dfig durch die Haut im ganzen System verteilen.<\/p>\n<p>Die meisten Stoffe werden aber direkt systemisch appliziert, in diesen F\u00e4llen gelangt der Arzneistoff \u00fcber den Blutkreislauf an den Wirkungsort, die Darreichungsformen sind vielf\u00e4ltig, z.B. recht direkt per Injektion oder peroral (durch den Mund).<\/p>\n<p>Man kann sich vorstellen, dass es schwierig ist, einen Wirkstoff einmal quer durch den K\u00f6rper zu schleusen, bis er an der richtigen Stelle immer die exakte Wirkung entfaltet. Oftmals werden inaktive Vorstufen verabreicht, die bei ihrem Weg durch Magen, Darm, Leber, Blutkreislauf etc. an der exakt gewollten Stelle durch andere dort vorhandene Stoffe aktiviert werden und wirken k\u00f6nnen. Es ist eine Wissenschaft f\u00fcr sich und man ist \u00fcberrascht, welche Wege der eine oder andere Wirkstoff durch den K\u00f6rper bis zum Zielort beschreiten muss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wir skizzieren als \u00dcbersicht einige Zubereitungsformen<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Feste Zubereitungen<\/strong><\/p>\n<p>Den gr\u00f6\u00dften Anteil machen feste, perorale, einzeldosierbare Formen wie Tabletten, Dragees und Kapseln aus, die verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig einfach einnehmbar sind.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Pulver und Granulate<\/strong> (Zusammenlagerung feinerer Pulverpartikel) sind Zubereitungen aus trockenen, losen, mehr oder weniger feinen Teilchen. Sie sind manchmal auch nur Zwischenprodukt zur Arzneiformen wie Tabletten oder Kapseln. Sie werden z.B. direkt eingenommen, in Fl\u00fcssigkeiten anger\u00fchrt oder auch aufgel\u00f6st.<\/li>\n<li><strong>Tabletten<\/strong> sind gepresste Feststoffzubereitungen. Dabei gibt es vielf\u00e4ltige Formen, wie z.B. Mehrschicht-, Mantel- (ein Granulat wird trocken auf einen Kern gepresst) und \u00fcberzogene Tabletten. \u00dcbrigens liegt die Unterscheidung von Dragees und Filmtabletten in der Dickte und im Material des \u00dcberzugs. Zudem k\u00f6nnen \u00dcberz\u00fcge farbig gestaltet werden, um. Z.B. die Unterscheidbarkeit zu erleichtern. Desweiteren erm\u00f6glichen sie oftmals die Magensaftresistenz, so dass der Wirkstoff nicht bei der Passage durch den sauren Magen seine Wirkung verliert. Sie d\u00fcrfen in diesem Fall \u00fcbrigens nicht geteilt werden, da an der Schnittkante eben diese Schutzfunktion nicht mehr gegeben w\u00e4re.<\/li>\n<li>Eine weitere feste Arzneiform sind <strong>Kapseln<\/strong>, zumeist mit einer H\u00fclle aus Gelatine oder pflanzlicher Hydroxpropylmethylcellulose. Im Inneren k\u00f6nnen feste wie auch fl\u00fcssige Substanzen verwendet werden. Unterschieden werden Hart- und Weichgelatinekapseln. Die Harte Form besteht aus zwei ineinandersteckbaren H\u00e4lften (ohne Weichmacher) und wird aufgrund der verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig einfachen Handhabung gern f\u00fcr Rezepturanfertigungen in der Apotheke verwendet. Die weichen k\u00f6nnen nur maschinell gefertigt werden.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Halbfeste Zubereitungen<\/strong><\/p>\n<p>Bei dieser Form wird der Wirkstoff in eine halbfeste, also plastisch verformbare Grundlage eingebettet, die auf Haut oder Schleimhaut aufgetragen wird. Die lokale Applikation reduziert die systemischen Nebenwirkungen (vgl. auch oben). Die verwendete Grundlage hat durchaus Einfluss auf die Gesamtwirkung, so kann sie die Aufnahme des Wirkstoffs beg\u00fcnstigen oder z.B. k\u00fchlend wirken. Es gibt sogar wirkstofffreie Zubereitungen, bei denen nur der Grundlageneffekt die Wirkung darstellt.<\/p>\n<p>Unterschieden werden zudem lipophile (k\u00f6nnen kaum Wasser aufnehmen) und hydrophile (k\u00f6nnen aktiv Wasser binden) Grundlagen.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Salben<\/strong> sind zumeist einphasige Systeme mit einheitlicher Grundlage.<\/li>\n<li><strong>Cremes<\/strong> dagegen sind meist mehrphasig. Die Stabilit\u00e4t von lipophiler und w\u00e4ssriger Phase wird durch Zugabe eines sog. Emulgators erm\u00f6glicht.<\/li>\n<li><strong>Gele <\/strong>sind meist einphasig und k\u00f6nnen hydrophil oder hydrophob sein. Hydrogele bestehen aus einer w\u00e4ssrigen Wirkstoffl\u00f6sung, die verfestigt wurde, um z.B. eine k\u00fchlende Wirkung mitbringen.<\/li>\n<li>Auch <strong>Z\u00e4pfchen<\/strong> (Suppositorien) geh\u00f6ren in diese Kategorie, sind aber die wohl festeste ihrer Formen. Sie schmelzen bei K\u00f6rpertemperatur.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Fl\u00fcssige Zubereitungen<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr sie sind die meisten Einnahmem\u00f6glichkeiten denkbar: oral, \u00e4u\u00dferlich oder per Injektion\/Infusion. Sie werden i.d.R. schnell aufgenommen, problematisch sind jedoch individuelle Instabilit\u00e4ten sowie Dosierungsschwierigkeiten.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Tropfen und S\u00e4fte<\/strong> werden anhand der Konzentration unterschieden, wobei Tropfen die deutlich h\u00f6her konzentrierten sind. Hier reichen bereits kleine Mengen (Tropfen). PS: Lesen Sie auch &#8222;<a href=\"https:\/\/www.flora-pharm.de\/blog\/tropfen-richtig-dosieren\/\">Tropfen richtig dosieren<\/a>&#8222;.<\/li>\n<li>L\u00f6sungen, Suspensionen und Emulsionen unterscheiden sich wie folgt: <strong>L\u00f6sungen<\/strong> sind einphasig, eine ehemals feste Phase geht dabei in L\u00f6sung. Bei zweiphasigen <strong>Emulsionen<\/strong> ist ein fl\u00fcssiger Stoff (disperse Phase) in einem ebenfalls fl\u00fcssigen Dispersionsmittel feinst verteilt, wie bei Cremes ist die Zugabe eines Emulgators notwendig, um die Stabilit\u00e4t der Phasenvermischung zu sichern. Bei <strong>Suspensionen<\/strong> entmischt sich die feste Phase w\u00e4hrend der Lagerung mit dem fl\u00fcssigen Dispersionsmittel, deshalb m\u00fcssen sie vor Gebrauch gesch\u00fcttelt werden<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Pflanzliche Zubereitungen<\/strong><\/p>\n<p>Zubereitungen aus Heilpflanzen (Phytopharmaka) z\u00e4hlen zu den \u00e4ltesten Arzneiformen, z.B. ein Tee. Oft werden Extrakte verwendet. Zu beachten ist das Drogen-Extrakt-Verh\u00e4ltnis, also welche Ausgangsmenge f\u00fcr die Gewinnung einer bestimmten Extraktmenge eingesetzt wurde. Pflanzen sind nie gleich und auch die Herstellungsverfahren unterscheiden sich, somit k\u00f6nnen Pflanzenpr\u00e4parate leichte Unterschiede aufweisen, insbesondere bei Pr\u00e4paraten vom Markt oder aus der Drogerie.<\/p>\n<p>Bei apothekenpflichtigen pflanzlichen Arzneimitteln dagegen m\u00fcssen Qualit\u00e4t, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit gew\u00e4hrleistet sein. Somit k\u00f6nnen hier Unterschiede zwischen verschiedenen Chargen vernachl\u00e4ssigt werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Technisches Wirkungsprinzip ist am K\u00fcrzel im Namen erkennbar<\/strong><\/p>\n<p>Moderne Arzneiforman erhalten im Namen einen Zusatz, der auf den von der Galenik angestrebten Wirkungsmechanismus hinweist. Hier die wichtigsten bei oralen Arzneiformen:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Duriles<\/strong>: Der Wirkstoff kommt in einer Ger\u00fcstmatrix mit Poren, im Magen-Darm-Trakt dringt hier Wasser ein und der Wirkstoff diffundiert langsam heraus. Die Matrix bleibt bestehen und wird ausgeschieden.<\/li>\n<li>Fast Acting Sublingual Technology (<strong>FAST<\/strong>): Die Tabletten zerfallen sehr schnell im Mund, der Wirkstoff \u00fcber die Mundschleimhaut aufgenommen<\/li>\n<li>Multiple Unit Pellet System (<strong>MUPS<\/strong>): Die Tablette zerf\u00e4llt im Magen in kleine Pellets mit magensaftresistentem \u00dcberzug, die ob ihrer Kleinheit schnell am Magenpf\u00f6rtner vorbei in den D\u00fcnndarm gelangen k\u00f6nnen, wo sie dann den Wirkstoff freisetzen.<\/li>\n<li>Oral Controlled Absorption System (<strong>OCAS<\/strong>): Der Wirkstoff ist in eine Gelmatrix eingebetter, die im Magen Wasser aufnimmt und den Wirkstoff dan \u00fcber 24 Stunden im Darm abgibt.<\/li>\n<li>Osmotic Release Oral System (<strong>OROS<\/strong>): Um die Tablette herum ist eine Membran, in die nach Einnahme Wasser eindringt und den Kern aufquillen l\u00e4sst. Durch den entstehenden (osmotischen) Druck wird der Wirkstoff \u00fcber bis zu 10 Stunden abgegeben. Die H\u00fclle wird unver\u00e4ndert ausgeschieden.<\/li>\n<li><strong>Resinat<\/strong>: Ein an einen Tr\u00e4ger gebundener Wirkstoff wird im sauren Magenmilieu im Austausch gegen H+-Ionen freigesetzt<\/li>\n<li>Schnell langsam (<strong>SL<\/strong>): In der H\u00fclle ist ein schnell, im Tablettenkern ein langsam freisetzbarer Wirkstoff<\/li>\n<li>Zero Order Kinetik (<strong>ZOK<\/strong> aber auch Z, Zero oder ZOT): In die Pellets in der Tablette kann Wasser eindringen, so dass eine ges\u00e4ttigte L\u00f6sung entsteht, die den Wirkstoff mit konstanter Menge \u00fcber eine bestimmte Zeit abgibt.<\/li>\n<li>Etc.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man darf gespannt sein, welche Formen und Wirkungsketten die Galenik in der Zukunft hervorbringt, um noch gezielter am gew\u00fcnschten Ort die therapeutisch notwendige Wirkung zu entfalten.<\/p>\n<p>Auch wir bedienen uns immer wieder der Transportfunktion von Mitteln, die u.a. den eigentlichen Wirkstoff z.B. besser durch die Zellw\u00e4nde an den Wirkungsort f\u00fchren. Ein Beispiel ist die Schlepperfunktion von DMSO (DiMethylSulfOxid) oder sog. Colaminphosphaten (EAP-Salze), die Mineralien sehr gut resorbierbar und zus\u00e4tzlich membranst\u00e4ndig (Zellh\u00fclle) in den K\u00f6rper bringen.<\/p>\n<p>Wenn Sie Fragen z.B. zur Wirkweise Ihrer Medikamente, deren Einnahme oder zu K\u00fcrzeln auf der Verpackung haben, sprechen Sie uns gerne an.<\/p>\n<pre style=\"text-align: right;\"><em>Quelle: DAS PTA MAGAZIN, Ausgabe 08-2014, S. 22 ff.<\/em><\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mal verschreibt einem der Arzt eine Tablette, dann eine Salbe, ein Spray, ein Dragee, eine Kapsel oder was es sonst noch alles f\u00fcr lustige Formen gibt. Okay, es erscheint noch sinnvoll, dass Nasenspray direkt in die Nase kommt. 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