E-Zigarette, Vor- und Nachteile

Es ist mittlerweile kaum möglich, die elektronischen Zigaretten noch nicht gesehen zu haben. Bedenkt man, dass sie erst 2003 erfunden und ab 2014, nach Patenterwerb durch die Tabakindustrie, so richtig kommerzialisiert auf den Markt gebracht wurden, ist ein Jahresumsatz 2017 in Deutschland von etwa 580 Millionen Euro (nach Schätzung des Verbands des E-Zigarettenhandels) eine echte Ansage. Ein Wachstumsmarkt…

Die großen Fragen lauten:

Ist E-Zigarette rauchen gesünder als das Rauchen herkömmlicher Tabakzigaretten?
Gesünder heißt nicht gesund: Wie schädlich sind E-Zigaretten?
Helfen E-Zigaretten bei der Tabakentwöhnung, bzw. dem gänzlichen Rauchstopp?
Üben E-Zigaretten eine unkontrollierbare Anziehungskraft auf jugendliche Nichtraucher aus?

Die E-Zigarette

In einer E-Zigarette werden Flüssigkeiten mit Hilfe batteriebetriebener Heizdrähte verdampft, nicht verbrannt. Rein definitorisch ist es daher nicht ganz richtig von „Rauchen“ zu sprechen. Die Nutzer von E-Zigaretten bezeichnen sich oftmals als „Dampfer“. Die Flüssigkeiten gibt es mit oder auch ohne Nikotin und in nahezu unzähligen „Geschmacksrichtungen“. Längst gibt es ganze Geschäfte, die ausschließlich mit der Hardware sowie den besagten Flüssigkeiten (Liquids) handeln.

Eine seit 2016 auf dem Markt befindliche Gerätegeneration wollen wir hier noch kurz erwähnen, im Folgenden aber, auch mangels valider Daten, vernachlässigen: die Tabakerhitzer. Mit Ihnen wird fester Tabak auf 350°C erhitzt (klassische Zigaretten verbrennen ihn bei etwa 900°C), was zu einer verminderten Aufnahme von Schadstoffen führen soll. Die Nikotinaufnahme kann weitestgehend derjenigen herkömmlicher Zigaretten entsprechen.

Was ist im Dampf?

Trägersubstanzen

Die Trägersubstanzen der in E-Zigaretten verdampften Flüssigkeiten sind zumeist Glyzerin oder Propylenglykol, die auch in Nikotinsprays verwendet werden und denen eine weitestgehende Unbedenklichkeit nachgesagt wird (obwohl die Langzeiteffekte noch nicht hinreichend untersucht wurden). Denn durch die thermische Zersetzung dieser Trägersubstanzen können Verbindungen wie Acrolein oder Formaldehyd und Acetaldehyd entstehen. Diese können bei Inhalation allerdings krebserregend bzw. leberbelastend sein. Entscheidend ist hier die Temperatur, diese hängt ab von der elektrischen Spannung. Einige Geräte lassen eine manuelle Regelung der Spannung zu, weil so Dosis und Geschmack individuell regelbar sind. Studien zeigen wohl, dass bei 3,3V kaum Formaldehyd nachzuweisen ist, bei 5V allerdings schon mehr als bei Tabakzigaretten. Der eingeregelte Geschmackskick bringt also ein erhöhtes Risiko mit sich.

Geschmacksrichtungen

Die Geschmäcker kommen zumeist durch Lebensmittelaromen, deren Schädlichkeit bzw. Unschädlichkeit bei Inhalation in den meisten Fällen unklar ist. In einigen Fällen sind negative Nebenwirkungen assoziiert, so z.B. bei Diacetyl (führt u.U. zu Bronchiolitis obliterans), Benzaldehyd (reizt Schleimhäute), Zimtaldehyd (wirkt zytotoxisch, genotoxisch und allergen) etc.

Nikotin

Wählt man Flüssigkeiten mit Nikotin, so bleiben auch bei der E-Zigarette die bekannten Nachteile des Nikotinabusus bestehen, da der Dampf dann zusätzlich Alkaloide, Nitrosamine und Terpene enthält. Nikotin ist und bleibt suchterzeugend und schädlich.

  • Nicotine, Carcinogen, and Toxin Exposure in Long-Term E-Cigarette and Nicotine Replacement Therapy Users: A Cross-sectional Study, DOI: 10.7326/M16-1107

Toxische Substanzen

Bei E-Zigaretten entsteht allerdings kein Kohlenmonoxid. Gemäß dem Britische Gesundheitsministerium enthält der Dampf aus E-Zigaretten sogar bis zu 95 % weniger toxische Substanzen als der Rauch herkömmlicher Zigaretten. Ein Argument, das gern zur Umgehung von Rauchverboten in Gebäuden, Clubs und Restaurants verwendet wird. Dennoch sind die Effekte beim Passivrauchen schwierig zu erfassen. Studien belegen, dass sich die Raumluft bezüglich des Gehalts an Nikotin, Propylenglykol, Glycerin und Carbonylverbindungen E-Zigaretten negativ verändert, wenn auch deutlich weniger als bei Tabakzigaretten. Auch hier fehlen Langzeitbetrachtungen und weitere Studien. Im Rahmen des angestrebten Nichtraucherschutzes muss die Ausnahmeregelung der E-Zigaretten in Rauchverbotszonen hinterfragt werden. Viele Gastronomen berufen sich auf ihr Hausrecht und untersagen gerade in Restaurationen auch die Nutzung der E-Zigaretten. Auch wegen optischer Verwechslungsgefahr zu herkömmlichen Zigaretten.

  • E-cigarettes: an evidence update, A report commissioned by Public Health England (PDF)
  • Public Health Consequences of E-Cigarettes (im Web)

Gesünder heißt nicht gesund

E-Zigaretten wird in der Tat durch eine amerikanische Studie ein großes lebensrettendes Potenzial zugeschrieben: Angenommen, dass durch E-Zigaretten jährlich 2 % neue Tabakraucher und 10 % Umsteiger von Tabak- auf ausschließlich E-Zigaretten gibt, sollen dadurch wohl bis 2070 bis zu 3,3 Millionen Personenjahre gerettet werden können. Selbst mit der pessimistischsten Prognose (6 % neue Raucher/5 % Umsteiger) würden immer noch 580.000 Personenjahre gerettet.

  • E-cigarettes: Comparing the Possible Risks of Increasing Smoking Initiation with the Potential Benefits of Increasing Smoking Cessation, DOI: 10.1093/ntr/nty062

Der reduzierte Anteil schädlicher sowie toxischer Substanzen dient den Produzenten als Werbe-Hebel angesichts sinkender Zahlen an Zigarettenkonsumenten. Tatsächlich hat ein Raucher nur einen Vorteil, wenn er komplett auf die elektronische Zigarette umsteigt und auf den Dual-Use, also das zusätzliche Rauchen von Tabakzigarette, komplett verzichtet.

Gesünder heißt nicht gesund, der Konsum der E-Zigarette ist bei weitem nicht unbedenklich. Zudem bleibt abzuwarten, welche Langzeitschäden entsprechende Studien noch ans Licht bringen werden.

Helfen E-Zigaretten bei der Tabakentwöhnung und dem gänzlichen Rauchstopp?

Das Pro-Argument für E-Zigaretten, dass die Tabakentwöhnung bzw. der totale Rauchstopp leichter fallen würde, lässt sich durch Studien nicht belegen.

Eine südkoreanische Studie zeigte keinen Unterschied beim „Aufhören“ zwischen normalen Rauchern und denen, die zusätzlich E-Zigarette rauchten.

  • Comparisons of the stages and psychosocial factors of smoking cessation and coping strategies for smoking cessation in college student smokers: Conventional cigarette smokers compared to dual smokers of conventional and e‐cigarettes, doi: 10.1111/jjns.12241

Vermutet wird, dass Menschen, die beide Formen konsumieren zwar eher aufhören wollen und schon viel probiert haben, jedoch signifikant stärker nikotinabhängig sind, was größere Schwierigkeiten beim Aufhören mit sich bringt.

Eine Studie aus Ohio betrachtet langfristige Entwöhnungserfolge und belegt, dass nach 1 bis 1,5 Jahren kein Unterschied zwischen Dual Usern und normalen Rauchern nachweisbar ist.

  • Quitting Behaviors Among Dual Cigarette and E-Cigarette Users and Cigarette Smokers Enrolled in the Tobacco User Adult Cohort, doi: 10.1093/ntr/nty222

Die Studienlage spricht also gegen das Argument. Einzelfälle mag es dennoch geben.

Eine deutsche Studie zur Beleuchtung des Rauchverhaltens (DEBRA) zeigt, dass der Konsum von E-Zigaretten die am häufigsten verwendete Methode für einen Rauchstopp ist. Der Konsum ist allgemein bei Erwachsenen größtenteils durch gesundheitliche Argumente motiviert.

Jugendliche

Die gleiche Studie besagt, dass die Zahl der jugendlichen Tabakraucher auf einem Tiefstand sei, allerdings habe der Großteil der 15- bis 18-Jährigen bereits E-Zigaretten ausprobiert. Eine Frankfurter Studie bestätigt dies.

Tendenz steigend. Jugendliche werden vor allem getrieben von Neugier und Gruppengefühl. Kritiker sehen zudem Verführungspotential in den süßlich fruchtigen Geschmackszusätzen, die zudem den ersten Ekel bei Tabakzigaretten umgehen.

Viele Studien belegen, dass die Verminderung der Eintrittsschwelle durch E-Zigaretten-konsum dazu führt, dass mehr Jugendliche rauchertypische Verhaltensweisen entwickeln.

  • E-Cigarettes and the Use of Conventional Cigarettes, DOI: 10.3238/arztebl.2018.0243
  • Do electronic cigarettes increase cigarette smoking in UK adolescents? Evidence from a 12-month prospective study (Web)
  • The Association Between Smoking and Electronic Cigarette Use in a Cohort of Young People, DOI: 10.1016/j.jadohealth.2017.11.301
  • E-cigarette Use and Subsequent Smoking Frequency Among Adolescents (Web)
  • A longitudinal study of electronic cigarette use and onset of conventional cigarette smoking and marijuana use among Mexican adolescents, DOI: 10.1016/j.drugalcdep.2017.09.001

Eine neue deutsche Studie belegt den Einfluss der Werbung für E-Zigaretten: 39% der befragten Schüler hatten E-Zigaretten Werbung bewusst gesehen. Von denen werden E-Zigaretten 2,3-mal häufiger verwendet. Zudem rauchen sie zu 40 % häufiger Tabakzigaretten. Das belegt ein Verführungspotential und die Gefahr vieler zukünftiger Raucher.

Eine weitere Gefahr wird in der just genehmigten Markt-Zulassung der sogenannten „Juul“ gesehen. Die weiterentwickelte E-Zigarette verschafft dem Benutzer einen zusätzlichen „Kick“ durch schnell anflutende Nikotinsalze, quasi vergleichbar mit der sofort abhängig machenden Wirkung von „Crack“, einer chemischen Variation von Kokain, die eine wesentlich schnellere Anflutung im Körper bewirkt, insbesondere beim Rauchen. In den USA ist das Produkt in Rekordzeit insbesondere bei Jugendlichen ein solcher Renner geworden, dass die Benutzung schon nicht mehr mit „rauchen“ bezeichnet wird, sondern mit einem eigenen Verb verknüpft wurde, dem „jooling“. Hinzu kommt ein stylisches Design (vgl.: kleines Bild im Titelbild). Glück für unsere Jugendlichen ist, dass das Modell für den deutschen Markt angepasst werden muss, da wir eine Nikotin-Obergrenze gesetzlich festgelegt haben. Der den Erfolg ausmachende Nikotin-Kick bleibt damit auf der Strecke.

Im Kontext des Verführungspotentials empfehlen wir Ihnen auch die Lektüre unseres Artikels: Trügerischer Chill-Faktor beim Shisha-Rauchen.

Es scheint jedenfalls nicht möglich zu sein, Jugendliche auch nur von der Werbung für E-Zigaretten fernzuhalten. Werbung, die nur Erwachsene erreicht, gibt es nicht.

Fazit

Raucher, die komplett auf E-Zigaretten umsteigen, leben vielleicht etwas gesünder, aber lange noch nicht gesund.
Die Vorteile der E-Zigarette bei den Umsteigern werden höchst wahrscheinlich durch die Nachteile neu zum Rauchen verführter Jugendlicher (über-)kompensiert.

Der Gewinner wird, neben wenigen Aufhörern, wohl doch nur die Tabakindustrie sein.

Wir raten jedenfalls, das Rauchen in allen Facetten aufzugeben.
Gern stehen wir Ihnen dazu an der Seite und helfen mit Rat und Tat. Sprechen Sie uns darauf an.

Weitere Artikel zum Thema finden Sie unter den Schlagwort „rauchen“ hier im Blog.

Quelle: E-Zigarette: Morgen hör’ ich wirklich auf – DocCheck News  sowie eigene Ausführungen


Nachtrag November 2019

Wir möchten auf eine neue Studie der Uni Mainz aufmerksam machen, die gegen die Benutzung von E-Zigaretten spricht, da es den Forschern gelungen ist, neue molekularen Mechanismen zu identifizieren, die zu Schädigungen an Lunge, Herz und Gehirn führen können.

„Ein entscheidendes Ergebnis ist, dass der Konsum schon einer E-Zigarette, das sogenannte Dampfen, ausreichend ist, damit sich die Herzfrequenz erhöht und die Arterien versteifen. Ein weiteres Ergebnis: Bei den Rauchern war die Endothelfunktion eingeschränkt – ein wichtiger Befund, der sich auf die Funktionalität der Blutgefäße auswirkt.“

Univ.-Prof. Dr. Thomas Münzel, Direktor der Kardiologie I im Zentrum für Kardiologie der Universitätsmedizin Mainz und Leiter der im  „European Heart Journal“ veröffentlichten Studie „Short-term e-cigarette vapour exposure causes vascular oxidative stress and dysfunction: evidence for a close connection to brain damage and a key role of the phagocytic NADPH oxidase (NOX-2)” (doi:10.1093/eurheartj/ehz772) schätzt E-Zigaretten daher als gesundheitsgefährdend ein: „Wir wissen, dass E-Zigaretten im Vergleich zu normalen Tabakzigaretten weniger toxisch sind. Unsere Studie belegt jedoch, dass ein Kurzzeitgebrauch von E-Zigaretten den oxidativen Stress in Gefäßen, Lunge und Gehirn erhöhen kann. Dies kann sowohl kurzfristig als auch langfristig negative Auswirkungen auf die Funktion dieser Organe haben. Unsere Daten deuten darauf hin, dass E-Zigaretten keine gesunde Alternative zu herkömmlichen Zigaretten sind. Es sind dringend Langzeitstudien erforderlich, um die möglichen gesundheitlichen Folgen von E-Zigarettengebrauch besser beurteilen zu können. E-Zigaretten haben ein Suchtpotential, das von das Konsumenten häufig unterschätzen. Es hat sich gezeigt, dass Kinder, die E-Zigaretten geraucht haben, auch verstärkt dazu neigen, später Tabakzigaretten zu konsumieren. Daher fordern wir ein Werbeverbot von E-Zigaretten. Entscheidend ist auch, Jugendliche und ihre Familien über die Gefahren von Tabakerzeugnissen aufzuklären und die Erforschung der nachteiligen gesundheitlichen Folgen von E-Zigarettengebrauch intensiv voranzubringen.“

Quelle: Pressemeldung Uni Mainz