Integrative Onkologie – Gemeinsam gegen Krebs

Nicht nur den Tumor therapieren, sondern den Patienten ganzheitlich behandeln und stärken. Physisch und psychisch. Die Integrative Onkologie setzt komplementärmedizinische Verfahren ergänzend zur klassischen Krebstherapie ein. Mit Erfolg, wie zwei führende Spezialisten auf diesem noch jungen Gebiet der Medizin im Interview erklären.

Professor Dr. med. Sherko Kümmel
Direktor der Klinik für Senologie/ Interdisziplinäres Brustkrebszentrum an den Evang. Kliniken Essen-Mitte:
„Die Integrative Onkologie verbessert die Lebensqualität der Patienten.“

Professor Dr. med. Gustav J. Dobos
Direktor der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin an den Evang. Kliniken Essen-Mitte:
„Akupunktur kann die Nebenwirkungen einer Chemotherapie lindern.“

Ein Interview von Andrea Neuen

Integrative Onkologie – was genau verbirgt sich hinter diesem Begriff?
Prof. Sherko Kümmel: Integrative Onkologie meint die Verbindung von onkologischer Therapie mit nachweislich nützlichen Behandlungsverfahren der Naturheilkunde und der Mind-Body-Medizin. Letztgenannte rückt das Zusammenspiel von Körper, Geist und Psyche in den Fokus. Ziel der ergänzenden Verfahren ist die Linderung von Nebenwirkungen der onkologischen Therapie, die Unterstützung der klassischen Krebsbehandlung und die Verbesserung der Lebensqualität. Der Begriff „Integrative Onkologie“ ist allerdings nicht geschützt, deshalb sollten sich Interessierte vorher informieren.

Welche komplementären Verfahren kommen infrage, um Nebenwirkungen einer Krebstherapie zu lindern?
Prof. Gustav J. Dobos: Es gibt bereits eine große Bandbreite an Verfahren mit nachgewiesenem Nutzen, die an unseren Kliniken im Rahmen der Integrativen Onkologie eingesetzt werden. Dazu zählen pflanzliche Salben gegen Strahlenschäden oder andere Hautprobleme, Kältetherapie gegen Nagelveränderungen, Bewegung gegen chronische Müdigkeit, Akupunktur gegen Angst, Unruhe oder Hitzewallungen, Meditation gegen Schlafstörungen, pflanzliche Spülungen gegen Schleimhautentzündungen, Akupressur gegen Übelkeit – um nur einige zu nennen.

In welchen Bereichen wird die Integrative Onkologie an den Kliniken Essen-Mitte eingesetzt?
Prof. Gustav J. Dobos: Wir haben mit dem Brustkrebszentrum angefangen und nach den ersten guten Erfahrungen die Zusammenarbeit auf die gesamte gynäkologische Onkologie ausgedehnt, schließlich auch auf die Klinik für Internistische Onkologie und Hämatologie mit integrierter Palliativmedizin. Darüber hinaus bieten wir komplementäre Therapien teilstationär an – für Patienten während einer Chemo- oder Hormontherapie, nach Abschluss der onkologischen Behandlungen und für Menschen mit Metastasen. An sehr vielen Krankenhäusern in Deutschland fristet die Naturheilkunde bisher ein Schattendasein nach dem Motto: „Kann ja nicht schaden.“ Sie kann jedoch viel mehr leisten, wenn sie, wie bei uns, integriert wird – wenn Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen zum Wohl der Patienten miteinander kooperieren.

Bei welchen Tumorarten verspricht der ganzheitliche Behandlungsansatz Erfolg?
Prof. Sherko Kümmel: Erfolg im Sinne von Linderung der Nebenwirkungen während der onkologischen Therapie und der Steigerung der Lebensqualität verspricht die Integrative Onkologie bei allen Krebsarten. Das liegt auch daran, dass Naturheilkunde und die Mind-Body-Medizin mehrere Ansatzpunkte bieten. So kann auf spezielle Anforderungen einzelner Tumorarten und auf den aktuellen Gesundheitszustand des Patienten Rücksicht genommen werden. Ein Beispiel: Befindet sich ein abwehrgeschwächter Krebspatient gerade in einer Schutzisolation, damit er sich nicht mit Krankheitserregern anstecken kann, wird er sicher keine Akupunktur erhalten. Aber er kann trotzdem meditieren oder Entspannungsübungen machen.

Welche Rolle spielt die Mistel-Therapie? Gibt es zu ihrem therapeutischen Nutzen neue Erkenntnisse?
Prof. Gustav J. Dobos: Es gibt über tausend wissenschaftliche Artikel zur Mistel, viele davon sind methodisch umstritten. Einige der Wirkprinzipien dieser Schmarotzerpflanze sind allerdings aufgeklärt worden: Aus Zellkultur-Versuchen wissen wir, dass Mistelextrakte Tumorzellen unmittelbar zerstören können. Im Tierversuch hemmten sie das Tumorwachstum. Klinische Studien mit Misteln sind schwierig, weil die Injektion der Extrakte Hautrötungen hinterlässt. Das erschwert die für wissenschaftliche Untersuchungen so wichtige „Verblindung“. Bei diesem Studienaufbau wissen weder die Teilnehmer noch die Ärzte, welcher Patient welche Therapie erhält. Insgesamt zeigen bisherige Studien jedoch, dass eine Misteltherapie gut verträglich, nebenwirkungs- und risikoarm ist. Die Verbesserung der Lebensqualität verleiht den Patienten mehr Energie. Eine direkte Auswirkung auf die Tumorerkrankung lässt sich jedoch nicht mit Sicherheit nachweisen.

Wie lässt sich die Seele naturheilkundlich unterstützen?
Prof. Gustav J. Dobos: Hilfreich bei Depressionen sind Massagen, Akupunktur oder auch Achtsamkeitsmeditationen. Bei Heilpflanzen ist hingegen Vorsicht geboten. Johanniskraut wirkt bei leichten und mittelschweren Depressionen zwar ähnlich gut wie klassische Antidepressiva, andererseits aktiviert es aber bestimmte Eiweiße, die in Darmschleimhaut, Nieren, Nebennieren und Leber für die Verteilung von Wirkstoffen zuständig sind. Das gilt auch für Baldrian. Deshalb werden diese psychoaktiven Heilpflanzen, ähnlich wie übrigens auch Grapefruitsaft, Sonnenhut, Ginkgo, Rotklee oder Pfefferminze, für Fehlschläge bei Chemotherapien verantwortlich gemacht. Aus diesem Grund sollten sie nicht während einer Chemotherapie eingesetzt werden.

Und wie kann die Mind-Body-Medizin helfen?
Prof. Gustav J. Dobos: Psyche, Gehirn und Körper hängen eng zusammen. Wer mentale Übungen macht, ein Entspannungstraining oder eine Meditation, verändert unter anderem die Ausschüttung vieler Botenstoffe im Körper. Das kann man messen und in bildgebenden Verfahren nachweisen. Die Schmerzempfindlichkeit wird geringer, der Atem tiefer, der Körper besser mit Sauerstoff versorgt. Der Muskeltonus entspannt sich, die Konzentrationsfähigkeit nimmt zu, das Immunsystem funktioniert besser, der Puls beruhigt sich und das Herz wird weniger beansprucht. Das alles hilft Krebspatienten. Darüber hinaus wirkt die Mind-Body-Medizin gegen Angst, Unruhe und Schlafstörungen.
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Profitieren krebskranke Frauen stärker von naturheilkundlichen Verfahren als Männer?
Prof. Sherko Kümmel: Frauen haben allein durch ihre Hormonzyklen ein intensiveres Körpergefühl, sie sind meist disziplinierter als Männer und profitieren deshalb mehr von zusätzlichen Angeboten, die eigene Aktivität und Engagement verlangen. Rein körperlich können Männer genauso profitieren, wie Studien mit Prostatakrebs-Patienten zeigen.

Wenn der Krebs weit fortgeschritten und keine Heilung möglich ist: Wie können naturheilkundliche Verfahren die Palliativ-Medizin bereichern?
Prof. Gustav J. Dobos: Auch in einer palliativen Situation können Patienten von einer naturheilkundlich begleitenden Behandlung profitieren. Insbesondere Aromatherapien, Waschungen, sanfte Massagen und Reflextherapien wirken schmerzlindernd, entspannend und verbessern die Lebensqualität. Aber auch Entspannungsverfahren, Fantasiereisen und Meditationen wirken psychisch stabilisierend und verringern die Angst. Akupunktur wirkt lindernd bei Nebenwirkungen einer Chemotherapie.

Wo können sich Patienten und Angehörige über seriöse Angebote und komplementäre Therapien informieren?
Prof. Sherko Kümmel: Die Deutsche Krebsgesellschaft klärt über komplementäre Verfahren in der Krebstherapie auf. Mehr Informationen enthält das Internet aus den USA, weil dort die Integrative Onkologie schon länger und auch an renommierten Kliniken praktiziert wird. Abzuraten ist von allen Therapien, die den Anspruch erheben, sie wären das einzig wahre Heilmittel gegen Krebs, oder die Patienten bewegen wollen, keine onkologische Therapie zu machen oder nicht mit ihren Tumorärzten zu sprechen. Auch Methoden, für die sehr viel Geld verlangt wird, entbehren meist der Seriosität.

Von welchen „Alternativtherapien“ und „Wundermitteln“ sollten Betroffene unbedingt die Finger lassen?
Prof. Gustav J. Dobos: Dringend abzuraten ist zum Beispiel von der nicht ärztlich begleiteten Einnahme von Amygdalin aus Aprikosenkernen unbekannter Qualität, das Vergiftungen auslösen kann durch Freisetzung von Blausäure aus dem enthaltenen Amygdalin, was in Verbindung mit dem in einem anderen Samenteil gelagerten Spaltenzymgemisch Emulsin der Pflanze als Fraßschutz dient. Ebenso können Kerne, die aus dem Trester der Saftindustrie stammen, mit Pilzen und Aflatoxinen (aus Pilzen gebildete toxische Stoffe) belastet sein und weisen meist einen stark schwankenden Gehalt auf. (eine Alternative können jedoch speziell aufbereitete, amygdalinhaltige Extrakte aus bitteren Mandeln sein, bei denen das Spaltenzym entsprechend entfernt wurde und  Qualitätskontrollen auf Gehalt, Pilze und Bakterielle Kontamination stattfinden; lesen Sie dazu auch „kernig“ [anm. Flora])

Die angeblich positiven Effekte von exotischen Fruchtsäften wie Noni, Goji und Mangosteen sind unzureichend nachgewiesen, dafür können diese Extrakte die Chemotherapie beeinträchtigen. Dennoch können diese als gezielte biologische Nährstoffzufuhr im Rahmen einer generell sehr gesund gehaltenen Ernährung dienen, sollten aber wegen der erwähnten, möglichen Interaktion mit im Rahmen der Krebserkrankung eingesetzten Medikamenten mit dem behandelnden Arzt abgeklärt werden.

Für welche naturheilkundlichen Therapien übernimmt die gesetzliche Krankenkasse die Kosten?
Prof. Sherko Kümmel: Das hängt von der jeweiligen Krankenkasse ab. Die Misteltherapie wird in palliativen Situationen von allen gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Im kurativen Bereich liegt es im Ermessen der Kasse, diese Behandlung zu erstatten.

Gern beantworten wir Ihre Fragen, beraten Sie bei Nebenwrikungen einer Chemotherapie auch zu möglichen Begleittherapien; sprechen Sie uns einfach an.

Cover NuG 6-19
Text mit freundlicher Genehmigung der S & D Verlag GmbH. Das komplette “Naturheilkunde & Gesundheit” Heft bekommen Sie auch bei uns in der Apotheke.