Auszeit in Retro
Von wegen altbacken: Stricken, Gärtnern und Puzzeln feiern gerade ein großes Comeback. Vor allem junge Menschen begeistern sich für „Omas Hobbys“. Woher diese Sehnsucht nach Nostalgie kommt, erklärt uns Stefanie Happ.
Ein x-beliebiger Mittwochabend. Erschöpft vom Alltag fallen wir auf das Sofa. Gleich noch runter in die After-Work-Bar mit lauter Musik, Stimmengewirr und blinkendem Neonlicht? Ach, nö. Genug Stress und Struggle gehabt. Viel lieber lassen wir bei einer Tasse Tee die Stricknadeln klappern und Masche für Masche eine schicke, bunte Weste entstehen – Marke: Do-it-yourself. Handarbeit statt Highlife, das ist hip und entspricht einem ganz neuen Lebensgefühl. Denn in einer Zeit, in der viele von uns gestresst sind von bedrohlichen Weltnachrichten, von technischen Neuerungen, digitaler Dauerbeschallung und ständiger Erreichbarkeit übers Smartphone, ist der Wunsch nach Ruhe groß. Da kommen Beschäftigungen wie Häkeln, Malen oder Kreuzworträtseln doch wie gerufen. Was mit witzigen Social-Media-Trends von sogenannten „Strickfluencerinnen“ begann, ist inzwischen zu einem Hype geworden – in allen Altersklassen, besonders aber bei der aufstrebenden Generation Z. „Omas Hobbys“ machen auch jungen Menschen nicht einfach nur Spaß, sie dienen vor allem der Entschleunigung und bieten kleine Oasen der Entspannung – als Gegenpol zu unserer schnelllebigen Welt.
Stricken statt struggeln
Analoge Aktivitäten lassen uns ganz im Hier und Jetzt ankommen – fernab von Kummer über gestern oder Sorgen um morgen. Statt Grübelschleifen zu drehen, wickeln wir lieber Wolle um den Finger, kneten Teig oder buddeln in der Anzuchterde. Neben der beruhigenden Wirkung spielt außerdem das gute Gefühl eine Rolle, mit den eigenen Händen etwas Kreatives geschaffen zu haben. Und auf das Ergebnis können wir stolz sein. Die Freude über ein selbstgehäkeltes Kleid, über ein frisch gebackenes Brot oder auch über die blühende Oase auf dem Balkon nimmt uns keiner. Das Vertrauen in unsere Wirksamkeit wächst – und das Selbstbewusstsein auch. Wir erkennen einen neuen Sinn im Leben.
Analogie fördert Achtsamkeit
Dass uns althergebrachte Hobbys guttun, bestätigt auch die Wissenschaft. Laut Herbert Benson, einem Pionier der Mind-Body-Medizin, habe Stricken sogar einen ähnlichen Entspannungseffekt wie Yoga oder Meditation. Es ist also kein Zufall, dass in psychosomatischen Kliniken Kreativtherapien zum Konzept gehören. Sie sollen positive Emotionen wecken. Denn indem wir uns darauf fokussieren, was unsere Hände tun – sei es malen, nähen oder basteln – fördern wir unsere Achtsamkeit und schulen unsere Feinmotorik. Noch dazu können sich neue Denkwege ebnen, weil Konzentration und Aufmerksamkeit im Flow sind. Handarbeiten, die mehr oder weniger knifflig sind, gelten daher als gute Übungen zur Problemlösung. Langfristig lernen wir, besser mit Stress umzugehen und Erfahrungen leichter zu verarbeiten.
Willkommen im Granny-Life
Auch wenn Omas Tätigkeiten meist allein im stillen Kämmerlein ausgeführt werden, können sie dennoch soziale Kontakte hervorbringen. In Nähkursen, Strickclubs, Handarbeitsläden und Gartencentern kommen Sie leicht mit Gleichgesinnten ins Gespräch – vielleicht entstehen genau dort neue Freundschaften. Gemeinsam „oldschool“ zu sein, schweißt zusammen und spornt an, Nostalgie im Alltag zu etablieren. Denn tauschen wir untereinander Strickmuster, Backrezepte und Blumensamen aus, bleiben wir dran – suchen und finden wir immer neue Retros gegen die Reizüberflutung. Ganz gleich, zu welchem „Oma-Hobby“ Sie sich hingezogen fühlen – Sie tun damit nicht bloß sich selbst etwas Gutes, sondern setzen ein Zeichen für eine bessere, entschleunigtere Welt.
Stricken & Häkeln
Die neue Wolllust: Aus flauschigen Fäden lassen sich warme Socken knüpfen, weiche Zopfpullover weben und sogar niedliche Kuscheltiere kreieren. Jedes Teil ist ein Unikat und in gleichmäßigen, also entspannenden Handbewegungen entstanden. Sie brauchen eine Anleitung? In sozialen Medien bekommen Sie Tipps.
Nähen & Schneidern
Gar nicht altmodisch: Mit Nadel, Faden und feinen Stoffen designen Sie sich Ihre Mode einfach selbst und geben ein Statement gegen Fast-Fashion und Wegwerf-Klamotte ab. Individuellere Kleidung bekommen Sie nirgendwo anders als hier an Ihrer Nähmaschine. Wie wär’s mit einem Nähkurs in Ihrer Volkshochschule, Familienbildungsstätte oder online?
Außerdem: Wer nähen kann, der flickt und stopft auch mal gerne. Kleine Risse oder Löcher sind doch längst kein Grund für den Lumpensack.
Säen & Pflanzen
Zurück zu den Wurzeln: Grauen Beton kennen wir schon – in der Stadt noch mehr als auf dem Land. Daher geht der Trend zum Urban Gardening. Platz für frisches Grün ist schließlich selbst auf dem kleinsten Balkon. Samen säen, Stecklinge setzen und dann zuschauen, wie alles wächst und gedeiht. Da blüht die Seele auf! Die Kür ist: Gemüse selbst ziehen wie zu Omas Zeiten.
Rätseln & Raten
Mehr als ein angestaubter Zeitvertreib: Stift in die Hand nehmen, Wissen aus dem Gedächtnis abrufen und die Lösungen in die Kästchen schreiben. Das lenkt vom Grübeln ab, sorgt für Entspannung und schafft Erfolgserlebnisse.
Kochen & Backen
Wie bei Muttern: Ob traditionelle Rezepte aus Großmamas zerfleddertem Kochbuch oder neue vegane Welt – Selbstgekochtes schmeckt immer noch am besten. Noch dazu haben Sie sich mit den (Bio-)Zutaten beschäftigt, Gemüse geschält und geschnibbelt, den Teig geknetet und ausgerollt … Kochen und Backen – ein Fest für die Sinne. Und das Beste kommt zum Schluss: Essen! Es hält bekanntlich Leid und Seele zusammen. Also genießen Sie diesen Retro-Moment.
Probieren Sie es doch mal aus. Bei Fragen sind wir gern für Sie ansprechbar.

