Biophobie – Angst vor der Natur

Wälder, Pflanzen, Tiere – Igitt!

Immer mehr Menschen reagieren auf die Wildnis mit Angst und Ekel. Woher kommt dieses plötzliche Unbehagen?

Einen alten Baum umarmen, seine knorrige Rinde spüren und dabei die kühle, würzige Waldluft schnuppern. Entspannung pur! Waldbaden ist doch erst vor wenigen Jahren populär geworden. Seitdem ist vom Biophilia-Effekt die Rede und von der messbar heilenden Wirkung, die Naturerlebnisse auf uns ausüben. In Japan gibt es Ausflüge ins Grüne sogar auf Rezept mit ausdrücklicher Empfehlung vom Arzt. Nun aber taucht noch ein weiterer Begriff auf, der exakt das Gegenteil meint: Biophobie – die Furcht vor der Natur.  Von Stefanie Happ

Wald und Wiese – keine Wohlfühlorte mehr?

Forscher aus Lund in Schweden haben diesen neuen Ausdruck geprägt. Denn sie beobachten, dass sich offenbar unser Verhältnis zur Natur verschlechtert hat. Wie ihre Studien zeigen, geht Biophobie weit über einen angeborenen Respekt vor Spinnen und Schlangen hinaus, also vor Tieren, die eventuell giftig sind. Schon ein Rascheln im Gebüsch jagt womöglich einen Schrecken ein, feuchtes Moos löst Ekel aus, und Vogelzwitschern nervt. Für eine wachsende Zahl an Menschen sind Wälder und Wiesen anscheinend keine Wohlfühl-Oasen mehr, sondern Orte, die es zu meiden gilt.

Alles digital und kaum Kontakt zur Umwelt

Bereits seit den 1970er-Jahren nehmen Wissenschaftler eine Art Entfremdung von der Natur wahr – und haben dafür Erklärungen. Nahezu weltweit leben mehr Menschen in dicht besiedelten Städten als auf dem Land und verbringen einen Großteil ihrer Zeit in Innenräumen. Vor allem Kinder und Jugendliche wachsen in einer digitalen Welt auf. Die Natur sehen sie höchstens als Schaubilder auf den Bildschirmen – und bekommen so eine verzerrte Vorstellung von der Realität. Ihnen fehlen die handfesten Erfahrungen, auf Bäume zu klettern, sich schmutzig zu machen und auch mal einem glitschigen Frosch zu begegnen. Doch genau dies sind die Erlebnisse, die sich einprägen und Vertrauen zur Natur aufbauen. Mangelt es daran, weil kaum Kontakt zur wildwachsenden Umwelt besteht, fühlen sich Pflanzen, Tiere – auch das Wetter – fremd an.

Auf Entdeckungstour

Betrifft Biophobie also ausschließlich die junge Generation? „Ja und nein“, meint die Umweltpädagogin Susanne Sigl. Als Mitarbeiterin des gemeinnützigen Vereins Querwaldein e. V. versucht sie, Kindern ein positives Verhältnis zur Natur zu vermitteln und stellt dabei fest: „Die meisten Kinder bringen von sich aus eine große Naturbegeisterung mit; trotzdem nehme ich eine erlernte Scheu wahr.“ Denn heutzutage kann sich niemand den ernstzunehmenden Warnungen verschließen: „Achtung, Zeckengefahr!“ oder „Vorsicht, Wildtiere können Krankheiten übertragen!“ „Kinder können nicht unterscheiden, wo wirklich Gefahrenpotenzial lauert und wo wir uns auf relativ sicherem Terrain befinden“, erzählt Susanne Sigl. Noch dazu beobachtet sie häufig, „dass Kinder den Waldboden als Dreck ansehen und Regenwürmer eklig finden. Dies scheint eine Haltung zu sein, die Kinder übernommen haben.“ Daher lädt sie ihre kleinen Kursteilnehmer zu Entdeckungstouren im Wald ein, ermuntert zum Blättersuchen und Blütenbestimmen. Dabei verbindet sie zudem das Beste aus zwei Welten. „Um Vogelstimmen zuzuordnen, können wir eine App benutzen“, sagt sie und vermittelt Wissen auf spielerische Weise – aber nicht nur das.

Wer die Natur schätzt, möchte sie schützen

Rauszugehen – ins Freie – und sich praktisch mit der Natur zu konfrontieren, ist eine gute Methode, um Ängste loszuwerden. Biophobie kann entstanden sein, weil wir von der gesundheitsgefährdenden Tigermücke gehört haben oder weil die Nachricht verunsichert, dass der Wolf zurück ist. Schließlich sitzt bei vielen von uns auch der Schock über Extremwetterereignisse wie Sturmfluten und Überschwemmungen tief. „Doch gerade in Zeiten des Klimawandels und der Umweltverschmutzung ist es umso wichtiger, dass wir uns mit der Natur beschäftigen“, meint Susanne Sigl und sie nennt dafür gute Gründe: „Erst wenn wir selbst erfahren, dass draußen viel mehr als Niederschlag und Wildtiere auf uns warten, können wir spüren, wie gut uns die Natur tut.“ Schon nach 20 Minuten im Wald sinkt messbar der Stresslevel. Unterm Blätterdach lässt sich frei atmen, dadurch steigt die Konzentration, der Blutdruck normalisiert sich, das Herz schlägt ruhig. Grün, die Farbe der Natur, wirkt auf uns erwiesenermaßen entspannend. „Durch positive Naturerfahrungen“, weiß die Umweltpädagogin, „lernen wir die Natur zu schätzen und zu lieben. Und was wir lieben, wollen wir beschützen.“

Mehr Informationen:

www.querwaldein.de

Bei Fragen helfen wir Ihnen natürlich gern weiter und beraten Sie.

Bild vom Cover des "Naturheilkunde & Gesundheit" Heftes 05/26, aus dem der Text zu diesem Artikel stammt. Der Verlag hat uns die Nutzung freundlicherweise genehmigt.
Text mit freundlicher Genehmigung der S & D Verlag GmbH. Das komplette “Naturheilkunde & Gesundheit” Heft bekommen Sie auch bei uns in der Apotheke.