Alpenkräuter – Gesundheit aus den Bergen

Von der Arnika bis zur Zirbe hat die Pflanzenwelt in den Bergen viel Heilsames zu bieten.

Der Wanderurlaub ist für viele dieses Jahr geplatzt – leider. So ist das nun mal in diesen Corona-Zeiten. Ganz müssen Sie auf die Almwiesen trotzdem nicht verzichten. Wenn Sie nicht zum Berg kommen, dann kommt halt der Berg zu Ihnen nach Hause. Stefanie Happ interviewt Isolde Meyer, Apothekerin aus München. Sie hilft dabei und lädt Sie ein zu einer Entdeckungsreise zu den Alpenkräutern, die typisch für die Bergwelt sind und die wegen ihrer starken Heilkraft den Weg in jede Hausapotheke finden sollten.

Was macht die Heilpflanzenwelt in den Bergen so besonders?

Die Alpenflora ist einzigartig und vielseitig. Rund 4.500 Pflanzenarten wachsen hier. Diese Zahl ist erstaunlich. Denn die Lebensbedingungen oberhalb der Baumgrenzen sind hart. Je höher die Berge, desto extremer werden die Wetterverhältnisse: dichte Schneedecken, selbst im Sommer, dazu ein ruppiger Wind, bitterkalte Nachtfröste bei viel Sonne am Tag. Die Pflanzen, die hier gedeihen, sind an dieses wechselhafte Klima angepasst. Um allen Widrigkeiten zu trotzen, haben alle ihre eigenen Strategien entwickelt. Manche haben dicht behaarte Blätter und Stängel, so wie das Edelweiß. So ein Flaum schützt vor Kälte und Austrocknung. Andere sind saftreich, wie der Hauswurz. Mit seinen fleischigen Blättern ist er in der Lage, lange Zeit Wasser zu speichern. Vorteile bringen auch wachsbeschichtete Blüten oder meterlange Pfahlwurzeln. Die Natur war erfinderisch, um ihre Alpenpflanzen zu dem zu machen, was sie sind: echte Überlebenskünstler.

Sind Arzneipflanzen, die das Bergklima überstehen, heilkräftiger als die Kräuter, die in den niederen Lagen wachsen?

Auf manche Alpenpflanzen trifft das zu. In ihnen steckt die Kraft der Berge. Bergkräuter sind extrem stresserprobt. Diese Stressresistenz gehört zum Wesen der Pflanzen. Daher werden sie bei Erkrankungen eingesetzt, die durch emotionale Belastungen entstanden sind. Rosenwurz zum Beispiel ist eine genügsame Staude, die in schneebedeckten Felsspalten wuchert. Aufgrund seiner Heilkraft ist Rosenwurz stark gefragt, auch bei uns in der Apotheke. Seine Inhaltsstoffe, sogenannte Adaptogene, wirken beruhigend auf die Nerven. Sie sollen helfen, hektische Zeiten gut zu überstehen. Einen ähnlichen Ruf hat die Zirbelkiefer, oder einfach Zirbe genannt. Dieser Baum gilt als eines der robustesten Gewächse, die die Alpen hervorgebracht haben, und hat ein extrem breit gefächertes Wirkspektrum. Die ätherischen Öle, die im Holz und in den Nadeln stecken, können das Einschlafen erleichtern. Auch bei Erkältungskrankheiten, Magen-Darm-Beschwerden und Muskelverspannungen hat Zirbenöl sich bewährt. Hauptsächlich wird Zirbe zur Entspannung eingesetzt.

Welche Alpen-Heilpflanze liegt Ihnen besonders am Herzen?

Mit ihren leuchtend gelben Blüten ist die Arnika das Gold der Berge. Seit jeher wird sie von den Alpenbewohnern hoch geschätzt. Man nennt sie auch Bergwohlverleih, weil sie jedem „Bergwohl“ verleiht, der sie braucht. Pflücken sollte man die Arnika allerdings nicht. Sie gilt als geschützte Pflanze. Weil ihre Heilwirkung längst bestätigt ist, wird sie heute kultiviert angebaut, um aus den Blüten Salben herzustellen, die bei Verstauchungen und Prellungen helfen. Bei Muskel- und Gelenkentzündungen, bei Hexenschuss, Rheuma und Arthrose haben sich die Zubereitungen bewährt. Auch gut bei schmerzhaften Insektenstichen. Auf offene Wunden sollte Arnika aber nicht aufgetragen werden. Zur inneren Einnahme ist sie ebenfalls nicht gedacht. Eine Ausnahme macht die Homöopathie. Arnika- Globuli sind in Deutschland sogar das meistverkaufte homöopathische Mittel überhaupt.

Welches Alpenkraut darf Ihrer Meinung nach in keiner Hausapotheke fehlen?

Der Gelbe Enzian! Neben seinem Bruder, dem Blauen Enzian, der als Wahrzeichen der Berge gilt, ist der Gelbe Enzian das Heilmittel der Alpen. Von allen einheimischen Pflanzen hat er den höchsten Wert an gesundheitsfördernden Bitterstoffen. Sogenannte Amara (Bitterstoffdrogen) sind Stärkungsmittel für den ganzen Körper. Der Gelbe Enzian fördert eine gesunde Verdauung, entlastet den Darm und stärkt die Leber in ihrer entgiftenden Funktion. Darüber hinaus wirkt der Gelbe Enzian immunstimulierend. Nach langen Infektionskrankheiten – ob Erkältung, Grippe oder COVID-19 – kann eine Enzian-Tinktur schnell wieder auf die Beine helfen.

Die umfassende Heilkraft des Gelben Enzians überzeugt – aber auch seine ganze Erscheinung in der Natur beeindruckt. Er wächst stattliche 1,20 Meter hoch, blüht aber erst nach zehn Jahren. Er kann rund 60 Jahre alt werden und übersteht in seinem rauen Umfeld – in den Alpen – Wind und Wetter. Dabei hilft ihm seine kräftige Wurzel, die rund sieben Kilo wiegt. In ihr stecken die arzneilich wirksamen Bitterstoffe, die für viele Tonika und Verdauungstropfen verwendet werden. Extrakte aus dem Gelben Enzian sind das Bitterste, was wir in der Naturmedizin haben – und darf in keiner Hausapotheke fehlen.

 

Und dann sind da ja noch…

Echter Beinwell (Symphytum officinale)

Der Beinwell ist eine der ältesten Alpen-Heilpflanzen, die bei Gelenkbeschwerden eingesetzt werden. Seine Wurzeln enthalten Allantoin. Dieser Pflanzenwirkstoff regt die Zellneubildung an und fördert so die Regeneration nach Verletzungen, Prellungen und Stauchungen. Beinwell wirkt noch stärker als Arnika und unterstützt sogar die Heilung von Knochenbrüchen. Nur äußerlich in Form von Cremes und Salben anwenden. Dieses Raublattgewächs mit den traubenartigen violetten Blüten hat in der Medizin eine lange Geschichte. Schon im alten Ägypten verwendete es der Arzt der Königin Kleopatra bei Blutergüssen.

Pestwurz (Petasites paradoxus)

Die Pestwurz fällt im Alpengebiet durch ihre regenschirmgroßen Blätter auf. Noch bevor diese einen Durchmesser von 60 Zentimetern erreichen, bilden sich rötliche, kolbenartige Blütenköpfe. Der heilsame Wirkstoff Petasin steckt in der Wurzel. Er wirkt krampflösend bei Menstruationsbeschwerden und kann Migräneanfällen vorbeugen. Im Mittelalter glaubte man, mithilfe dieser Gebirgspflanze die Pest vertreiben zu können. Weil Pestwurz auch leberschädigende Pyrrolizidinalkaloide enthalten kann, sind zur Einnahme nur Fertigpräparate aus der Apotheke zu empfehlen.

Weißer Germer (Veratrum album)

Der Weiße Germer ist ein giftiger Doppelgänger des Gelben Enzians. Er wächst ähnlich hoch – bis zu 1,50 Meter. Seine andersfarbigen, rispenartigen Blüten und löchrigen Blätter mit den längs verlaufenden Blattnerven sind wichtige Unterscheidungsmerkmale. Weil er stark toxisch wirkt, spielt der Weiße Germer nur in der Homöopathie eine Rolle. In stark verdünnter Form gilt er als kreislaufstabilisierendes Notfallmittel und wird z. B. bei einem Sonnenstich eingesetzt. Bei kranken Menschen soll er zur Rekonvaleszenz beitragen. Nur Fertigpräparate (Globuli) aus der Apotheke anwenden.

Edelweiß (Leontopodium nivale)

Das Edelweiß gilt als Symbol der Alpen. Leider ist es selten geworden und steht daher unter Schutz. Traditionell ist es als „Bauchwehblümelein“ bekannt. Auch in der heutigen Pflanzenheilkunde wird es bei Magen-Darm-Beschwerden eingesetzt. Mit seinem hohen Anteil an Gerbstoffen hat es eine krampflösende und entzündungshemmende Wirkung. Auch in der Naturkosmetik spielt Edelweiß eine Rolle. Manche Sonnencremes enthalten Extrakte aus Bio-Edelweiß, die vor schädlichen UV-Strahlen schützen sollen und die Haut so samtig-weich machen sollen wie das flaumige Edelweiß.

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Text mit freundlicher Genehmigung der S & D Verlag GmbH. Das komplette “Naturheilkunde & Gesundheit” Heft bekommen Sie auch bei uns in der Apotheke.